Mein Leserbrief an die Zeit, ungekürzt

23 Dez

Seit einigen Jahren begleite ich den Kampf von Frau Becker mental und journalistisch. Ich staune immer wieder, wie leidenschaftlich und geradezu uneinsichtig auf der anderen Seite für das Ehegattensplitting gekämpft wird und wie hämisch auf Frauen ihres Kalibers manchmal reagiert wird.
Ich bin selbst alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Nach einem abgeschlossenen Studium bin ich in eine Zukunft gestartet, die vielversprechend schien. Seit über 20 Jahren arbeite ich immerhin als Fernsehjournalistin für einen öffentlich-rechtlichen Sender, verdiene nicht schlecht und komme doch gerade mal so eben über die Runden. Mit dem Vater des Sohnes war ich nicht verheiratet, Liebe steht über steuerlichen Vorteilen dachten wir und nach der Trennung war ich froh, keinen Scheidungsanwalt zahlen zu müssen. Das war 2006. Damals begann ich mich zu wundern, wieso von meinem Brutto so wenig bei mir ankommt und lernte so Frau Becker kennen, die mich über die m.E. sagenhafte Ungerechtigkeit unseres Steuersystems aufklärte. Ich beschloss, sie zu unterstützen wo es mir möglich ist, für mich, aber auch im Sinne all der anderen Alleinerziehenden, die am Ende des Tages froh sind, wenn sie ihre Ruhe haben.
Es ist doch so: Seit dem neuen Unterhaltsrecht von 2008 sind Frauen gezwungen, nach einer Trennung zu arbeiten und selbst für sich zu sorgen. Unterhaltspflichtig sind Männer nur noch gegenüber ihren Kindern. Der Gedanke dahinter schien mir richtig, warum sollten Frauen auch nicht „ihren Mann“ im Erwerbsleben stehen? Diese Aufforderung zur Selbstverantwortung wird aber zugleich durch das Steuergesetz wieder hintertrieben, indem nämlich ihre Unterhaltspflicht und der Unterhaltsaufwand (Zeit, Engagement, Nerven, größere Wohnung, Schulbedarf etc,) gegenüber den Kindern, die in der Regel bei ihr leben, steuerlich nicht ausreichend berücksichtigt werden. Der jährliche Freibetrag von 3400,- wird den tatsächlichen Lebenshaltungskosten in keinster Weise gerecht.
Oft schnappt nach dem Ende der Ehe auch die durch das Ehegattensplitting noch geförderte Teilzeitfalle zu. Jahrelang „ein bisschen was dazuverdient“, weil steuerlich so günstig, heißt jetzt: keine Chance mehr am Arbeitsmarkt für Frauen. Und daraus folgen wiederum langfristige Konsequenzen. Denn in die Rentenkasse konnte und kann entsprechend wenig eingezahlt werden. Wie soll unter diesen Umständen auch noch eine adäquate private Altersvorsorge erarbeitet werden? Die Aussicht: Altersarmut. Wer wundert sich eigentlich noch darüber, dass kluge Akademikerinnen sich sehr genau überlegen, ob sie wirklich Mütter werden wollen? Ja, Kinder sind etwas Wunderbares, aber wunderbar ist auch, jährlich mehrmals in Urlaub zu fahren und nicht nur Ferien auf Balkonien zu machen, weil mehr einfach nicht drin ist. Nur mal so als Beispiel.
Und wir haben an dieser Stelle noch gar nicht über die Benachteiligung der Familien gesprochen, wo die Eltern, aus welchen Gründen auch immer, beschlossen haben ohne Trauschein zusammenzuleben.
Es mag so aussehen, als hätte sich Frau Becker ein etwas exzentrisches Hobby ausgewählt, einen teuren Spaß, als David den Goliath ein bisschen zu piesacken. Aber nein, ihr Anliegen ist von großer gesellschaftlicher Bedeutung, es geht einmal mehr um die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frauen! Und ich finde es großartig, dass sie die Nerven hat und den Aufwand nicht scheut, diesen Weg zu Ende zu gehen – für uns gar nicht so wenige besserverdienenden Alleinerziehenden, die wir uns unserem gesellschaftlichen Auftrag mit Stolz stellen und bitte entsprechend von eben dieser Gesellschaft mit Respekt behandelt und unterstützt werden möchten.

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3 Antworten to “Mein Leserbrief an die Zeit, ungekürzt”

  1. Birgit Wallner 23. Dezember 2015 um 07:31 #

    Genau so ist es! Reihe mich hier als „besserverdienende Alleinerziehende“ ein. Wie kann ich unterstützend tätig werden?

  2. Anja Kröninger 25. Dezember 2015 um 07:31 #

    Sehr guter Artikel – genau so ist es! Ich bin als Verwitwete alleinerziehend und arbeite nur auf Minijob-Basis, weil alles andere zu aufwändig ist. Solange wir von unserer Regierung dermaßen „abgestraft“ werden, arbeite ich auf keinen Fall mehr. Selbst mein Kind muß sich selber kranken-/pflegeversichern mit eigenen Beiträgen, die von der kargen Waisenrente abgezogen werden. Offiziell wird damit geworben, wie die toll die „Hinterbliebenen“ versorgt werden – vielen Dank. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?? Da hilft nur sich zusammentun und immer wieder stacheln – wer nicht kämpft, hat schon verloren.

  3. Stephanie Paa 28. Dezember 2015 um 07:31 #

    Hallo, ich bin auch alleinerziehend und habe allmählich mehr Zeit, mich endlich zu engagieren. „Alleinerziehende engagieren sich oft nicht politisch, weil sie keine Zeit haben“, hat neulich Reina Becker in der Zeit gesagt. Meine Worte! Ich versuche schon lange auf meiner kleinen lokalen Bühne etwas zu verändern, Aber man wird belächelt oder schlimmstenfalls bemitleidet. Wie finde ich Kontakt zu Reina Becker? Ich würde sie gerne unterstützen, denn was einem als Alleinerziehende bleibt, ist eine Erniedrigung sondersgleichen!

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